Definition eines Trends und Ausblick auf die Umsetzung der Trendfolge in der Praxis

Ich starte heute eine kurze Serie verschiedener Artikel zum Thema Trendfolge. Am Ende dieser Serie werde ich verschiedene Backtests meines quantitativen Trendfolge-Algorithmus und einiger weitere Trendfolgesysteme vorstellen. Vorher möchte ich vorbereitend mit einführenden Grundlagen starten. Der heutige Beitrag richtet sich an Leser mit geringen Vorkenntnissen. Ich gehe zunächst auf den Begriff „Trend“ ein und beschreibe im Anschluss die Definition eines Trends an der Börse. Abschließend gebe ich einen Ausblick auf die Umsetzung der Trendfolge in der Praxis. Für den Artikel ergibt sich somit folgende Gliederung:

  1. Was ist ein Trend?
  2. Definition eines Trends an der Börse
  3. Die Umsetzung der Trendfolge in der Praxis

In den nächsten Beiträgen der Serie werde ich die Ideen hinter meinem quantitativen Trendfolge-Algorithmus beschreiben und erläutern, warum ich diesen verwende. Ich werde die Chancen und Risiken der Nutzung solch eines Handelssystems aufzeigen und über eine realistische Rendite-Erwartung sprechen. Außerdem werde ich mit Ihnen darüber diskutieren, wie ein Trader bei der Konstruktion einer Handelsstrategie vorgehen sollte.

1. Was ist ein Trend?

Der DUDEN beschreibt das Wort „Trend“ als „über einen gewissen Zeitraum bereits zu beobachtende, statistisch erfassbare Entwicklung (-stendenz)“ (Quelle: http://www.duden.de/rechtschreibung/Trend). Damit ist letztendlich alles gesagt. Wir suchen Entwicklungen, die bereits über einen gewissen Zeitraum lang bestehen.

Letztendlich können wir überall Trends feststellen. Es kann sich um eine aufkommende Erscheinung in der Modewelt oder beispielsweise um eine konjunkturelle Entwicklung handeln – oder auch um Politik: Keine Partei ist über Nacht berühmt geworden, so etwas passiert nicht von einer Sekunde zur anderen. Die Bekanntheit und Beliebtheit einer Partei wird nicht binär als „an-aus-Zustand“ beschrieben – vielmehr entwickelt sie sich in wellenartigen Trendbewegungen. Ich bin der Meinung, dass es sehr oft von Vorteil ist, nicht in Zuständen sondern in Trends zu denken und Sachverhalte entsprechend zu interpretieren und darzustellen. Eine Aussage über den Trend ist häufig viel wichtiger als eine Aussage über den aktuellen Status quo.

Schauen Sie doch mal bei Google Trends vorbei, so kriegen Sie eine Idee für die Messung und Darstellung von Trends mit Hilfe der Anzahl an Suchanfragen zu einem Thema. Google ermöglicht wirklich spannende Einblicke.

2. Definition eines Trends an der Börse

Bei der Definition eines Trends an der Börse möchte ich das Rad nicht neu erfinden. Stattdessen ziehe ich ein Buch aus meinem Regal, dass ich immer wieder hervorhole, wenn es um dieses Thema geht. Der Autor des Buches ist ein bekanntester Schriftsteller der Branche: Michael Voigt.

Die von Voigt genutzte Trenddefinition geht auf die Markttechnik von Charles H. Dow zurück. Voigt schreibt:

Ein aufwärts gerichteter Trend ist deswegen ansteigend, weil steigende Hochs sich mit gleichzeitig ständig steigenden Tiefs abwechseln. Ein Hoch ist höher als das Hoch zuvor, und ein Tief ist höher als das Tief zuvor.

Quelle: „Das große Buch der Markttechnik – auf der Suche nach der Qualität im Trading“ von Michael Voigt (Seite 106, 5. Auflage 2009).

Die Definition lässt sich auch grafisch darstellen, die (ansteigenden) Hochpunkte sowie die (ebenfalls ansteigenden) Tiefpunkte habe ich farblich hervorgehoben:

Definition eines Trends
Markttechnische Definition eines Trends (eigene Darstellung)

Voigt geht in seinem Buch natürlich noch viel weiter ins Detail. Er erläutert beispielsweise, welche Vorteile seine Trenddefinition gegenüber der Definition eines Trends mit Hilfe von Trendlinien oder Indikatoren hat. Das heißt allerdings nicht, dass Voigt keine Trendlinien verwendet. Er nutzt diese nur nicht für die Definition eines Trends.

Ich persönlich nutze quantitative Indikatoren zur Bestimmung der Trendrichtung und des Trendmomentums. Außerdem nutze ich Trendlinien zur Visualisierung. Achtung: Das bedeutet nicht, dass ich die oben genannte Definition nicht nutze! Ich möchte unbedingt hervorheben, dass ich immer auch die markttechnische Trenddefinition berücksichtige! Meiner Meinung nach ist dies die einzig relevante Definition. Andere Instrumente wie Trendlinien oder technische Indikatoren dienen mir letztendlich nur als Hilfsmittel zur Darstellung und einfacheren Handhabung.

Bitte erlauben Sie mir, an dieser Stelle eine Werbeanzeige einzublenden. Ich würde keine Werbung für ein Buch machen, von dem ich nicht persönlich überzeugt bin. Voigt kombiniert sachliche Ausführungen mit Erzählungen wie in einem Roman. Ich finde, dass die Kombination das Buch abwechslungsreich macht. Dabei werden nicht nur die fachlichen Grundlagen erläutert, sondern auch die praktischen Herausforderungen bei der Umsetzung skizziert. Ich habe schon viele Bücher gelesen, keines hat mir so einen großen Nutzen gebracht wie dieses Buch. Falls Sie es kaufen, wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen!

3. Ausblick auf die Umsetzung der Trendfolge in der Praxis

Wir haben nun die Definition eines Trends geklärt. Ein Anfänger könnte der Versuchung unterliegen, nun sofort loslegen zu wollen. Er würde nach einer Aktie mit einer Abfolge an steigenden Hoch- und steigenden Tiefpunkten suchen und diese kaufen. Dabei stellt er die These auf, dass die Wahrscheinlichkeit für Kursgewinne bei einem Wertpapier mit einem aufwärts gerichteten Trend höher ist als bei einem Wertpapier, dass sich nicht in einem Aufwärtstrend befindet (andernfalls würde die Vorgehensweise ja keinen Sinn machen).

Nur mal angenommen, die beschriebene Vorgehensweise ist eine sinnvolle Handelsstrategie. Für einen erfahrenen Trader stellen sich trotzdem noch diverse Fragen. In der Realität ist die Umsetzung viel komplexer als viele Trader im ersten Moment denken.

  1. Auf welcher zeitlichen Ebene suchen Sie nach Trends (also nach steigenden Hochs und steigenden Tiefs)? Im Minuten-, Stunden- oder vielleicht im Tageschart?
  2. Welche Basiswerte (Aktien, Rohstoffe, …) berücksichtigen Sie? Ist es eine sinnvolle Diversifikation in mehr als nur einer Assetklasse Trends zu handeln?
  3. Wann genau kaufen Sie eine Position? Kaufen Sie direkt bei Entstehung eines Trend – also wenn ein höherer Hochpunkt vorliegt – oder bei einer Korrektur in entgegengesetzter Richtung des übergeordneten Trends? Wäre das nicht günstiger? Aber wie definieren Sie eine Korrektur? Eine größere Korrektur führt zu einem noch günstigeren Kaufkurs, aber vielleicht gibt es über Jahre hinweg nur kleinere Korrekturen? Wann genau steigen Sie also ein?
  4. Welche Wertpapiere bevorzugen Sie, wenn sich diverse Wertpapiere in einem Aufwärtstrend befinden und Sie nicht genug Geld haben, um in alle gleichzeitig zu investieren? Welche Wertpapiere sind dann die „besten“?
  5. Viele Aktien steigen und fallen tendenziell gemeinsam, das heißt, sie sind stark positiv korreliert. Selbst wenn Sie das Risiko pro Position kennen, wie steuern Sie ihr Portfoliorisiko? Ist es nicht gefährlich, wenn Sie viele Aktien kaufen, die sich alle in einem Aufwärtstrend befinden? Im Falle eines Trendwechsels könnten alle gleichzeitig drehen, so dass Sie herbe Verluste einstecken würden. Nehmen Sie das Risiko in Kauf oder begrenzen Sie dieses Risiko in irgendeiner Form? Wenn ja, wie?
  6. Wann genau verkaufen Sie (erst bei einem Trendbruch oder nutzen Sie auch Gewinnziele)?
  7. Wie wählen Sie die Positionsgrößen? Ist es sinnvoll, wenn Sie in alle Positionen den gleichen Betrag investieren? Oder gewichten Sie die Positionen nach dem jeweiligen Risiko? Falls ja, wie messen Sie das Risiko (Volatilität, max. Drawdown, …)?
  8. Nutzen Sie Portfolio-Rebalancing (d.h. Positionen, die „zu groß“ oder „zu klein“ geworden sind, werden wieder an die ursprüngliche Positionsgröße angepasst, damit der Einfluss auf das Portfolio nicht zu groß oder zu klein ist)? Welchen Einfluss hat dies auf die Rendite- und Risikoerwartung Ihres Portfolios?
  9. Nutzen Sie das Prinzip der Pyramidisierung (d.h. im Gewinn liegende Positionen werden vergrößert)? Achtung: Dieses steht im direkten Widerspruch zum Portfolio-Rebalancing! Welche Vorgehensweise passt besser zu Ihrem Anlagestil?

Im heutigen Artikel werde ich diese Fragen (noch) nicht beantworten (siehe Ausblick). Hierfür habe ich zwei Gründe: Zunächst möchte ich mit diesem Artikel nur die grundsätzliche Definition eines Trends sowie die Idee der Trendfolge vorstellen. Außerdem ist es gar nicht möglich, die genannten Fragen pauschal zu beantworten, da jeder Trader für sich selbst passende individuelle Antworten auf die Fragen finden muss. Es gibt keine „ultimativen Antworten“. Fragen Sie 10 erfolgreiche Investoren – jeder wird die Fragen anders beantworten und trotzdem sind alle 10 Trader erfolgreich.

Ich empfehle Ihnen, nach Ihrem eigenen Anlagestil zu suchen. Vielleicht helfen Ihnen die Fragen dabei, herauszufinden, ob Sie schon über eine ausgereifte Strategie verfügen. Selbst wenn Sie gar kein Trendfolger sind und vielleicht eine ganz anders geartete Strategie verfolgen, sollten Sie in der Lage sein, die Fragen zu beantworten. Je besser Sie die Fragen im Detail beantworten können, umso weniger ist Ihre Strategie dem Zufall ausgeliefert.

Ausblick

Bei den nächsten Artikeln dieser Serie werde ich den zuletzt genannten Aspekt – die Umsetzung der Trendfolge in der Praxis – noch stärker aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Das Ziel ist, dass wir uns gemeinsam der Beantwortung der Fragen annähern, wobei (wie gesagt) jeder schlussendlich zu anderen Antworten kommen sollte. Ich werde Ihnen zeigen, wie ich persönlich an der Börse agiere – was nicht heißen soll, dass meine Vorgehensweise die beste ist – sie passt aber zu mir und meiner Persönlichkeit. Fast täglich lese ich Artikel über die Vorgehensweise anderer Investoren und freue mich, Ihnen meine Vorgehensweise zeigen zu dürfen. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Gedankenaustausch uns allen dabei hilft, immer besser zu werden.

Insbesondere werde ich im weiteren Verlauf der Serie auf folgende Punkte eingehen:

  • Ich beschreibe die grundsätzlichen Ideen hinter meinem quantitativen Trendfolge-Algorithmus.
  • Anschließend zeige Ihnen einige Backtests meines Trendfolge-Algorithmus.
  • Ergänzend erläutere ich, warum ich den Algorithmus benutze sowie welche Erwartungshaltung ich bezüglich Rendite und Risiko habe (also welche Chancen und Risiken die Nutzung des Algorithmus eröffnet).
  • Wir diskutieren gemeinsam, aus welchen Bestandteilen eine Handelsstrategie in der Regel besteht (vielleicht möchten Sie sich ja selbst eine Strategie bauen oder haben bereits eine) und welche Vorgehensweise bei der Konstruktion einer Strategie eingehalten werden sollte (damit Sie nicht in die selbst gebaute „Falle“ der „Über-Optimierung“ tappen).

Ich hoffe, der Artikel hat Ihr Interesse auf die nun startende Artikel-Serie geweckt und freue mich wie immer auf Ihr Feedback via E-Mail (kontakt@trendfolge-investments.com) oder Kommentar.

Ich wünsche erfolgreiche Investments und viele Grüße
Christian F. Hardt

6 Kommentare

  1. Hallo, war einige Tage im Urlaub darum kommt erst jetzt mein Feedback. Ich finde das Thema absolut spannend. Werde mich in deinen Artiekl reinlesen und freu mich schon auf Fortsetzung.

  2. Hallo, hab mich in den letzten Wochen in das Markttechnik-Buch von Herrn Voigt eingelesen. War sehr aufschlussreich, besonders über die Denkweise über den Markt. Die Vorgehensweise von Herrn Voigt kommt meinem Tradingansatz sehr entgegen, werde versuchen beides zu verbinden. Deine Ausarbeitung ist da schon sehr ausgereift, macht Neugierig auf mehr.

  3. Was ist ein Trend – fast schon eine philosophische Frage. Die Definition des Duden scheint mir etwas zu einfach zu sein. Muss ein Trend nicht auch begründet sein? Oder reicht es, wenn er zufällig zustande gekommen ist.

    Im Nachhinein ist ist es immer einfach zu sagen ‚hier ist klar ein Trend zu sehen‘. Doch wo beginnt er? Wie unterscheidet man eine Konsolidierung von einem Trendbruch? Will man Trends für seine Börsenaktivitäten nutzten, ist es nicht so einfach.

    Daher gefallen mir die Fragen von Punkt 3 des Artikels sehr gut. Möglicherweise sind manche diese Fragen kaum zu beantworten und letztlich immer eine subjektive Entscheidung des Traders.

    • Hallo, vielen Dank für den interessanten Beitrag 🙂 Es freut mich zu hören, dass Ihnen der Artikel gefällt 🙂

      Tatsächlich ist die Umsetzung des (uralten) Konzepts der Trendfolge in der Praxis nicht einfach. Ich gebe Ihnen Recht, dass dabei sehr häufig subjektive Entscheidungen getroffen werden. Trendfolge an sich kann aber (zumindest in Teilen) objektiv gestaltet werden. Bei der Frage, ob ein Kurs gestiegen oder gefallen ist, handelt es sich um messbare Fakten. Das Problem ist nur, dass viele Trader sich an ihre selbst definierten Strategien nicht halten und irrationale Entscheidungen treffen. Das ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb ich diese Website ins Leben gerufen habe – damit ich mich für meine Transaktionen rechtfertigen „muss“.
      VG

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