Die Marktbreite als Crash-Indikator

Bei meinen Blogbeiträgen weise ich immer wieder darauf hin, dass quantitative Trendfolge nur ein Baustein meiner übergeordneten Strategie ist. Es handelt sich zwar um den für mich persönlich wichtigsten Baustein (dessen Nutzung und Entwicklung mir auch am meisten Spaß macht), aber dennoch verlasse ich mich niemals nur auf ein einzelnes System. Ergänzend nutze ich verschiedene weitere Indikatoren, die ich gerne als Crash-Indikatoren bezeichne. Hintergrund ist, dass diese Indikatoren oftmals Warnsignale senden, kurz bevor eine eventuell schwierigere Marktphase bevorsteht. Heute möchte ich euch die Marktbreite als Crash-Indikator näher vorstellen. Der Beitrag wird folgende Fragen beantworten:

  • Die Definition: Was ist die Marktbreite?
  • Das Ziel: Warum analysiere ich die Marktbreite?
  • Die Umsetzung: Wie messe ich die Marktbreite (möglichst einfach und schnell)?
  • Die Analyse: Wie interpretiere ich die Marktbreite?
  • Die Anwendung in der Praxis: Wie sieht ein konkretes historisches Beispiel aus?

Die Definition: Was ist die Marktbreite?

Hinter dem Begriff Marktbreite (market breadth) verbirgt sich nichts anderes als die Frage, durch die viele Aktien eine Bewegung getragen wird. Der DAX wird zum Beispiel durch 30 Aktien beeinflusst. Ist der DAX an einem Tag gestiegen, so bedeutet dies nicht, dass auch die Kurse aller 30 im DAX gelisteten Unternehmen gestiegen sind. Wenn ein Investor dieser Frage nun nachgeht und dabei feststellt, dass 20 Aktien gestiegen und 10 Aktien gefallen sind, so ist das bereits eine Aussage über die Marktbreite des DAX an dem betrachteten Tag. Selbstverständlich gibt es noch weitere Vorgehensweisen, um die Marktbreite zu messen. Weiter unten erläutere ich im Detail, welche Methode ich nutze und wie ich den Indikator interpretiere.

Das Ziel: Warum analysiere ich die Marktbreite (möglichst einfach und schnell)?

Mein Trendfolgekonzept ist so eingestellt, dass es nach mittel- bis langfristigen Trends (über einige Monate oder sogar Jahre) sucht. Wenn ich investiert bin, möchte ich allerdings einen bevorstehenden Trendwechsel bzw. schwierigere Marktphasen mit Korrekturen oder langwierigen Seitwärtsmärkten (oder sogar einen plötzlichen Aktiencrash) rechtzeitig erkennen. Mein Trendkonzept beschreibt daher nicht nur die Trendrichtung, sondern misst auch die Schwungkraft des Trends. Darüber hinaus betrachte ich einige Daten, die ich gerne als Crash-Indikatoren bezeichne (so nutze ich u.a. die Marktbreite als Crash-Indikator). Diese Indikatoren fließen nicht direkt in mein Trendkonzept ein. Ich analysiere diese „manuell“, mit dem Ziel, Marktphasen zu erkennen, die anfällig für Rücksetzer sind. Wenn ich solch eine Phase identifiziert habe, setze ich ggf. engere Stop-Loss Orders und führe ich Gewinnmitnahmen durch (selbst dann, wenn mein Trendkonzept ggf. noch bullish positioniert ist).

Meiner Meinung nach gibt es vor jedem großen Crash viele Warnsignale. Investoren müssen es nur schaffen, die Warnsignale (rechtzeitig) zu sehen und korrekt zu interpretieren. Die Marktbreite eignet sich meiner Meinung nach sehr gut als Crash-Indikator. Im nächsten Abschnitt werde ich konkret beschreiben, wie Sie die Marktbreite sehr leicht und schnell messen können. Danach beschreibe ich, wie sie die Marktbreite interpretieren und schlussendlich zeige ich ein konkretes historisches Anwendungsbeispiel. Dieses kann dabei helfen, die Interpretation des genutzten Marktbreite-Indikators zu verstehen.

Die Umsetzung: Wie messe ich die Marktbreite (möglichst einfach und schnell)?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Marktbreite zu messen. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, zu prüfen, wie viele Aktien eines Aktienindizes sich oberhalb des 200-Tage gleitenden Durchschnitts befinden. Dieser wird von vielen Investoren als Indikation dafür genutzt, ob sich die Aktie in einem Aufwärtstrend befindet. Sie können nun vergleichen wie sich der Index (z.B. DAX) im Verhältnis zu den im Index enthaltenen Aktien entwickelt. So wäre es beispielsweise äußerst interessant, wenn der Index steigt, obwohl die Anzahl an Aktien im Index, die oberhalb ihres 200-Tage gleitenden Durchschnitts sind, kontinuierlich fällt. Auf die Interpretation der Marktbreite gehe ich im nächsten Abschnitt im Detail ein.

Keine Sorge: Sie müssen nun nicht jede einzelne Aktie betrachten und prüfen, ob diese ober oder unterhalb ihres 200-Tage gleitenden Durchschnitts ist. Hierfür gibt es im Internet entsprechende Tools, die Sie nutzen können. Ich möchte an dieser Stelle keine Werbung für die eine oder die andere Software machen. Unten bei den konkreten Beispielen zeige ich aber, welches (kostenlose) Tool ich persönlich nutze.

Darüber hinaus gibt es weitere Möglichkeiten die Marktbreite zu messen. Eine der vermutlich bekanntesten Methoden ist die sogenannte Advance Decline Line. Dies ist ein technischer Indikator, der sich u.a. aus der Anzahl an gestiegenen abzüglich der Anzahl an gefallenen Aktien berechnet.

Die Analyse: Wie interpretiere ich die Marktbreite?

Die meisten Aktienindizes werden nach der Marktkapitalisierung gewichtet. Das bedeutet, dass wenige Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung den Index sehr stark beeinflussen können. Somit ist es möglich, dass nur wenige große Unternehmen den Index „nach oben ziehen“, obwohl im gleichen Zeitraum unter Umständen die Mehrzahl der Aktien, die in dem Index gelistet sind, stagnieren oder fallen.

Investoren, die den Markt nur oberflächlich betrachten, sehen lediglich den steigenden Markt. Die Analyse der Marktbreite ist quasi „der Blick unter die Motorhaube“ des fahrenden Marktes. Wer sich die Mühe macht und die Prüfung vornimmt, der kann feststellen, ob der Index durch sehr viele oder nur durch wenige Aktien nach oben geschoben wird. Ich suche nach Situationen, in denen der Index selbst steigt (und klar oberhalb des 200-Tage gleitenden Durchschnitts ist), die Anzahl an Aktien oberhalb ihres 200-Tage gleitenden Durchschnitts aber kontinuierlich fällt. Solch eine Situation wird von technischen Analysten als negative Divergenz bezeichnet.

Wenn der Aufwärtstrend durch nur wenige Aktien getragen wird, so ist der Markt bzw. der Aufwärtstrend von diesen einzelnen Aktien abhängig. Das Fundament des Trends ist somit schwach und demzufolge anfällig für Rückschläge. Die Marktbreite beschreibt quasi die Stärke des Fundaments anhand klar messbarer Daten und eignet sich daher meiner Meinung nach sehr gut als Crash-Indikator. Mit dem „Blick unter die Motorhaube“ soll somit geprüft werden, ob die Art und Weise wie ein Markt steigt, gesund ist. Aber genug der Theorie – wie sieht das ganze in der Praxis aus?

Die Anwendung in der Praxis: Wie sieht ein konkretes historisches Beispiel aus?

Der unten beigefügte Chart zeigt, dass der S&P 500 (schwarze Linie) seit dem Frühjahr 2014 bis Anfang August 2015 kräftig gestiegen ist. Die Anzahl an Aktien im S&P 500, die sich oberhalb des 200-Tage gleitenden Durchschnitts befinden, lag im Sommer 2014 zwischen 80% und 90%. Wenn Sie sich nun die Hochpunkte des S&P 500 anschauen, dann sehen Sie, dass der Index bis Mitte 2015 immer wieder neue Hochs erzielt hat. Schauen Sie nun bitte auf die Hochpunkte der grünen Linie, welche die Marktbreite darstellt. Die grüne Linie hat keine neuen Hochpunkte erzielt. Ganz im Gegenteil: Wenn Sie die einzelnen Hochpunkte der grünen Linie miteinander verbinden, ergibt sich eine fallende Trendlinie.

Im Juli 2015 befand sich nur noch rund jede zweite Aktie im S&P 500 oberhalb des jeweils eigenen 200-Tage gleitenden Durchschnitts. Wenn wir diesen gleitenden Durchschnitt als Definition für einen Aufwärtstrend bezeichnen, dann befanden sich demzufolge die hälfte aller Aktien in einem Abwärtstrend (die gründe Linie notiert bei ca. 50%). Und das obwohl der S&P 500 zuletzt gestiegen ist. Somit liegt eine äußerst ausgeprägte negative Divergenz vor, die seit ca. einem Jahr bestand hat. Dieser Umstand ist wichtig, da negative Divergenzen natürlich nicht sofort zu einem Kursrückgang führen müssen. Je stärker die Divergenz ausgeprägt ist und je länger sie bestand hat, umso eher sollte diese beachtet werden. Darüber hinaus sollte der Zeithorizont, über den ein Investor nach Divergenzen sucht, auch zur übergeordneten Strategie des Investors passen. So ist eine Divergenz über eine Woche für einen Investor, der nach langfristigen Signalen mit einem Horizont über mehrere Jahre sucht, ggf. irrelevant.

Aber zurück zum S&P 500: Was passierte nach Ausbildung der negativen Divergenz? Schauen Sie sich unten den zweiten Chart an.

S&500 Marktbreite als Crash Indikator negative Divergenz.png
Negative Divergenz im S&P 500, (erstellt mit IndexIndicators.com)

Die negative Divergenz zeigt, dass der Index äußerst anfällig für Rückschläge ist. Letztendlich kam es dann auch so: Bereits ab Ende Februar 2015 ist der Index nur noch unter Schwankungen seitwärts gelaufen, während sich die Divergenz noch weiter verschlimmert hat (da die grüne Linie unter Schwankungen weiter gefallen ist). Im August kam es dann zu einem heftigen Kurssturz:

Marktbreite S&P 500
Kurssturz nach negativer Divergenz im S&P 500, (erstellt mit IndexIndicators.com)

Zusammenfassung

Die Kern-Ideen der Analyse der Marktbreite sind meiner Meinung nach nachfolgend genannten Punkte:

  • Wenn ein Aufwärtstrend nur auf einem schwachen Fundament basiert, dann besteht eine erhöhte Gefahr für Rückschläge. Als Fundament bezeichne ich in diesem Zusammenhang die Anzahl an Aktien, die den Aufwärtstrend „tragen“ (das Fundament ist somit die Marktbreite). Ist der Trend von nur wenigen steigenden Aktien abhängig, so ist dieser anfällig für Rücksetzer.
  • Wenn der Aktienindex steigt, die Anzahl an Aktien oberhalb ihres 200-Tage gleitenden Durchschnitts aber kontinuierlich fällt, so liegt eine negative Divergenz vor.
  • Achtung: Ich habe es oft erlebt, dass negative Divergenzen vorhanden sind, der Markt aber trotzdem weiter steigt und sich ggf. auch die Marktbreite später wieder erholt (und die Divergenz aufgelöst wird). Ich suche insofern nur nach starken negativen Divergenzen, die seit mindestens 2 bis 3 Monaten intakt sind (da mein Trendkonzept mittel- bis langfristig ausgerichtet ist).
  • Der Zeithorizont der Divergenzen, die ein Investor beachtet sollte auf das eigene Tradingverhalten abgestimmt sein. Eine negative Divergenz über eine Woche ist ggf. irrelevant, wenn der Investor nach langfristigen Signalen über mehrere Monate sucht.
  • Ein gesunder, kräftiger Aufwärtstrend im Sinne des Begriffs Marktbreite liegt dann vor, wenn sehr viele Aktien gemeinsam steigen. In dem Fall ist der Trend unabhängig von den täglichen Schwankungen einzelner Aktien. Der Trend steht somit auf einem soliden Fundament, wodurch heftige Kursstürze eher unwahrscheinlicher sind (wenngleich selbstverständlich nicht unmöglich).

Ich bin der Meinung, dass sich die Marktbreite gut als Crash-Indikator eignet. Vielleicht ist es sogar einer der wichtigsten Crash-Indikatoren überhaupt. Neben der Marktbreite nutze ich noch weitere Indikatoren wie zum Beispiel Intermarket- sowie Sentiment-Analysen. Auf diese werde ich in späteren Beiträgen näher eingehen.

Ich hoffe, der Beitrag hat Ihnen gefallen. Wie immer freue ich mich auf Ihre Rückmeldungen. Hinterlassen Sie gerne ein Kommentar. Außerdem können Sie den Blog auch kostenlos und ohne Verpflichtungen abonnieren. Sofern ich warnende Crash-Indikatoren identifiziere, berichte ich hier darüber.

Viele Grüße,
Christian F. Hardt

Haftungsausschluss

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